Armenische Gemeinde zu Berlin e. V. - gegr. 1923
 
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Gedenktag 24. April

Erinnerung, Schuld und Verantwortung – eng stehen diese Aspekte in der Aufarbeitung eines Völkermordverbrechens zusammen. Dabei haben sich die Angehörigen der Generationen der Täter einer kritischen Aufarbeitung stets verweigert.

 

In Europa ist nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufgabe der Aufarbeitung als eine Verpflichtung der nächsten Generationen erkannt worden: Diese Aufgabe beinhaltete nicht nur die Forderung nach einer Anerkennung des Geschehens selbst, einer Anerkennung, die geleitet wird sowohl von der Akzeptanz der Verantwortlichkeit der Tätergeneration als auch von der Einsicht, dass hinter der radikalen Zerstörungs- und Vernichtungsgewalt ein politischer Wille stand.

 

Auch eine Akzeptanz der Versuche, die Geschichte der Ermordeten zu rekonstruieren, ihr Leben und ihren Tod zu erinnern, ist in die Aufarbeitung eingeschlossen. Nicht zuletzt bedeutet Aufarbeitung, den Überlebenden und ihren Kindern zu ermöglichen, von ihrem Schicksal sprechen zu können, ihre Erinnerung zu achten.

 

Zudem geht es darum, das Wissen um die Ursachen, Prozesse und Folgen der Gewalt als historisch und politisch wichtiges Wissen zu bewahren und zu schützen. Dass Erinnerung auch politisch so bedeutsam geworden ist, hat nicht zuletzt mit der Hoffnung zu tun, über Erinnerung zur Versöhnung beitragen zu können, Wunden schließen zu können – und durch die Übernahme von Verantwortung die historische Schuld zu mindern.

 

Am 24. April, dem weltweiten Gedenktag an die 1,5 Millionen durch das jungtürkische Regime ermordeten Armenier, wird auch an die restlose Zerstörung westarmenischen Lebens und westarmenischer Kultur im historischen armenischen Gebiet westlich des Ararat gedacht.

 

Nach wie vor steht dieses Gedenken ebenso wie das historische Geschehen selbst unter der Verunglimpfung politischer Leugnung, unter Zweifel und Missachtung. Stets aufs Neue wird das Erinnern an den Genozid an den Armeniern in das Schweigen „politischer Rücksichtnahmen“ gestellt.

 

Das armenische Beharren auf der Geschichte wird dabei nicht selten als Störung empfunden; der Zusammenhang von Erinnerung, Schuld und Verantwortung sorgsam auseinandergeklammert. Wäre es nicht an der Zeit, dass sich die Armenier in einen gemeinsamen Erinnerungsprozess mit den Generationen der Türkei begeben? Einen Prozess, der auf Versöhnung ziele? Und als dessen Ergebnis man vielleicht zum Schluss feststellt, dass es auf türkischer Seite tatsächlich eine (wie auch immer geartete) Verantwortung gibt?

 

Solche Forderungen nach Versöhnung sind abzulehnen. Denn am Beginn einer „Arbeit“ an der Geschichte des Genozids müssen die Feststellung der Verantwortlichkeit der Täter und die Anerkennung der Tat stehen, wenn dieser Prozess Erinnerung und Aufarbeitung eröffnen soll.

 

Historische Verantwortung kann man aber nur als gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Denn während die Generation der türkischen Täter verantwortlich war für die gewaltsame Auslöschung sämtlichen armenischen Lebens, haben die nachfolgenden Generationen ein aktives, stets neues Schuldigwerden an der Verneinung und Zerstörung armenischer Geschichte und Gegenwart Jahrzehnt für Jahrzehnt fortgesetzt.

 

Erinnerung, Schuld und Verantwortung – der 24. April zeigt, dass die Ablehnung der Verantwortung die historische Schuld vergrößert hat. Der Gedenktag zeigt, dass Erinnerung zu tragen eine Verpflichtung ist, die von Opfern und Tätern nicht gemeinsam geleistet werden kann, die sogar getrennt zu leisten ist – die aber einen Raum der Akzeptanz braucht, um geleistet werden zu können.

 

Das würdevolle Gedenken am 24. April ist für unsere Gemeinde zu einer Verpflichtung geworden. Die Gedenkveranstaltungen finden seit vielen Jahren im Französischen Dom am Gendarmenmarkt statt, bei denen Persönlichkeiten aus der Wissenschaft, Politik und dem öffentlichen Leben Ansprachen halten.

 

Künstlerisch gestaltet werden die Gedenkfeier durch Rezitation, vorgetragen von Schauspielern und Schauspielerinnen der Theaters und musikalische Beiträge namhafter armenischer Künstler.